Das Ölgemälde von Rudolf Wimmer aus dem Jahr 1905 zeigt Joseph von Fraunhofer mit einem Prisma in der Hand direkt neben seinem berühmten Spektralapparat. Foto: Deutsches Museum

Joseph Fraun­hofer: Sein letztes Geheimnis

02.06.2026 | Persönlichkeiten, Kultur & Geschichte | 0 Kommentare

Das Deut­sche Museum und die Fraun­hofer-Gesell­schaft ehren den Wissen­schaftler und Optiker zu seinem 200. Todestag mit einer beson­deren Aktion.

Sein Grab­stein auf dem Alten Südfriedhof in München ist sehr schlicht. Ein Fern­rohr und eine Sonne auf dem Stein zeigen symbo­lisch, womit sich der berühm­teste Sohn der Stadt Strau­bing in seinem Leben beschäf­tigt hat. Vor genau 200 Jahren ist der Forscher und Optiker Joseph Fraun­hofer in München gestorben. Obwohl er noch nicht einmal 40 Jahre alt wurde, erwarb er sich große Verdienste um die Wissen­schaft. Das Deut­sche Museum, das im Besitz vieler kost­barer Fraun­hofer-Objekte ist, stellt den Forscher zu seinem Todestag am 7. Juni gemeinsam mit der Fraun­hofer-Gesell­schaft ins Rampen­licht. 

Fraun­ho­fers größte Entde­ckung ist nach ihm benannt: die Fraun­hof­erschen Linien. Wenn man zum Beispiel das Licht der Sonne mit einem Prisma in seine Farb­be­stand­teile zerlegt, findet man neben den Farben auch sehr charak­te­ris­ti­sche schwarze Linien. Diese Linien hat der Optiker bei seinen Versu­chen entdeckt – und zwei hand­ko­lo­rierte Exem­plare mit dem Spek­trum und den Linien befinden sich im Archiv des Deut­schen Museums. 

„Fraun­hofer hat die Linien entdeckt – aber er wusste nicht, was sie bedeuten“, sagt Eckhard Wallis, Optik-Kurator am Deut­schen Museum. Das hat man erst Jahr­zehnte nach seinem Tod heraus­ge­funden. Die Linien reprä­sen­tieren die chemi­schen Elemente, aus denen das leuch­tende Objekt besteht. Man kann also, verein­facht gesagt, aus diesen Linien erkennen, welche Elemente in der Atmo­sphäre der Sonne vorkommen. Und das gilt auch für jeden anderen Stern, den man ins Visier nimmt und dessen Licht man analy­siert. „Fraun­ho­fers Entde­ckung hat damit die spätere Astro­physik über­haupt erst möglich gemacht“, sagt Wallis.

Dabei wäre all das beinahe nie passiert: Fraun­hofer, 1787 als elftes Kind eines Glaser­meis­ters in Strau­bing geboren, verlor seine Eltern früh und arbei­tete als Glaser­lehr­ling in München. Trotz seines großen Talents durfte er weder lesen lernen noch zur Schule gehen. Als das Gebäude seines Lehr­meis­ters 1801 plötz­lich einstürzte, über­lebte Fraun­hofer wie durch ein Wunder. Bei seiner Rettung war auch der Staats­be­amte und Fabri­kant Joseph von Utzschneider vor Ort, der Fraun­hofer in der Folge förderte und später in seine Optik-Werk­stätten holte. Fraun­hofer lernte, wie man Fern­rohre baute, die ihrer Zeit weit voraus waren – so gehört auch der Fraun­hofer-Refraktor, mit dem später der Neptun entdeckt wurde, zur Samm­lung des Deut­schen Museums.

„Die einma­lige Fraun­hofer-Samm­lung des Deut­schen Museums ist eine groß­ar­tige Basis für die weitere Forschung”, sagt Michael Decker, Gene­ral­di­rektor des Deut­schen Museums und Physiker. „Und auch der komplett digi­ta­li­sierte Fraun­hofer-Nach­lass mit seinen Manu­skripten, Berech­nungen, Zeich­nungen und Briefen gibt einen ganz unmit­tel­baren Einblick in das Leben und Wirken dieses außer­ge­wöhn­li­chen Forschers.”

Zum 200. Todestag Fraun­ho­fers hat sich das Museum in Zusam­men­ar­beit mit der Fraun­hofer-Gesell­schaft etwas ganz Beson­deres einfallen lassen: Die Fraun­hofer-Objekte in der Optik-Ausstel­lung des Deut­schen Museums werden hervor­ge­hoben und mit einer digi­talen Ausstel­lung ergänzt. Und es gibt momentan auch noch ein sehr neuzeit­li­ches Ausstel­lungs­stück in der Optik-Ausstel­lung: Auf einem Bild­schirm ist der KI-basierte Avatar „Joseph” zu sehen, mit dem sich Besu­che­rinnen und Besu­cher unter­halten können. Kurator Wallis: „Der KI-Avatar und die rund 200 Jahre alten Objekte ergänzen sich. Wer mit den Geräten auf den ersten Blick nicht viel anfangen kann, findet viel­leicht im Gespräch mit ‚Joseph’ einen Zugang dazu. “Und wer zur Erzäh­lung der KI noch Belege sucht, der findet in der Vitrine hand­feste Spuren der Geschichte.”

Die Fraun­hofer-Gesell­schaft hat den Avatar ihres Namens­pa­trons zur Ausstel­lung beigesteuert, den man zum Leben und Wirken Fraun­ho­fers befragen kann. Holger Hanselka, Präsi­dent der Fraun­hofer-Gesell­schaft, sagt: „Joseph von Fraun­hofer war Hand­werker, Wissen­schaftler und Unter­nehmer. In diesem außer­ge­wöhn­li­chen Drei­klang liegt seine bis heute wirkende Strahl­kraft. Mit Präzi­sion, Neugier und unter­neh­me­ri­schem Mut hat er Wissen­schaft und Technik nach­haltig geprägt. Die Fraun­hofer-Gesell­schaft fühlt sich seiner Tradi­tion bis heute verpflichtet: Wir über­setzen exzel­lente Forschung in konkrete Anwen­dungen für Wirt­schaft und Gesell­schaft. Dass das Deut­sche Museum gemeinsam mit der Fraun­hofer-Gesell­schaft zum 200. Todestag Fraun­ho­fers neue Zugänge zu seinem Leben und Wirken schafft, macht seinen Pionier­geist auf eindrucks­volle Weise erlebbar — von den Origi­nal­ex­po­naten über die digi­tale Ausstel­lung bis hin zum KI-basierten Avatar ‚Joseph’.“

Der Avatar ist gleich gegen­über der Groß­vi­trine in der Optik-Ausstel­lung zu sehen, in der sich auch die bedeu­tendsten Fraun­hofer-Expo­nate des Deut­schen Museums befinden. Zum Beispiel der Pris­men­spek­tral­ap­parat, mit dem die Fraun­hof­erschen Linien entdeckt wurden. Und auch ein weiteres Wunder­werk aus Fraun­ho­fers Werk­statt ist in der Schatz­kammer zu entde­cken. Optisch eher unspek­ta­kulär, aber tech­nisch noch beein­dru­ckender: Ein Gitter­spek­tro­meter, mit dem man das Licht noch präziser unter­su­chen konnte als mit einem herkömm­li­chen Prisma. In ein Glas­plätt­chen hatte Fraun­hofer mit einer selbst entwi­ckelten Präzi­si­ons­ma­schine und ihrer Diamant­spitze teils mehr als 300 Rillen pro Milli­meter in genau glei­chem Abstand vonein­ander geritzt. Das ergab auf ein bis zwei Zenti­meter Breite bis zu mehrere tausend Rillen – eine für die dama­lige Zeit fast unglaub­liche Genau­ig­keit. Wie der Optiker diese Präzi­sion erreicht hat, gehört zu seinen letzten Geheim­nissen.

Etwas näher ist dieser Frage der Fraun­hofer-Experte Jürgen Teich­mann, Senior Rese­ar­cher beim Deut­schen Museum, gekommen. Er hat drei bisher kaum zu entzif­fernde Briefe Fraun­ho­fers an den Frank­furter Forscher Samuel Thomas Soem­mer­ring aus dem Jahr 1823 ausge­wertet. Die Briefe waren Ende des Zweiten Welt­kriegs durch Bomben­ein­wir­kung und Lösch­wasser fast unlesbar geworden. Durch den Einsatz von UV-Foto­grafie an der Baye­ri­schen Staats­bi­blio­thek konnten sie nun weit­ge­hend entzif­fert und von Teich­mann ausge­wertet werden. „Die Briefe doku­men­tieren detail­liert – neben Fraun­ho­fers eigen­hän­diger Kolo­rie­rung seines Farb­spek­trums der Sonne – auch seine bahn­bre­chenden Expe­ri­mente mit Beugungs­git­tern“, sagt Teich­mann.

Den Briefen zufolge erreichte Fraun­hofer bei seinen extremsten Versu­chen sogar mehr als tausend Rillen pro Milli­meter. Etwas, das Soem­mer­ring tief beein­druckte. „Genaueres möchte viel­leicht auch für Menschen­hände, welcher Maschine man sich auch bedienen mag, nicht wohl möglich seyn”, schreibt Fraun­hofer. Diese enorme Präzi­sion ermög­lichte es ihm, die Wellen­längen der verschie­denen Farben exakt zu bestimmen. „Damit legte er durch seine Expe­ri­mente auch ein entschei­dendes Funda­ment für die Bestä­ti­gung der Licht­wel­len­theorie“, sagt Teich­mann. Mit welcher Appa­ratur diese feinen Gitter erzeugt wurden, steht in den Briefen jedoch nicht – sein letztes Geheimnis hat Fraun­hofer mit ins Grab genommen.

Ergänzt wird das Programm mit einem Vortrag von Jürgen Teich­mann am Mitt­woch, 3. Juni 2026, um 14 Uhr im Audi­to­rium des Deut­schen Museums: „Woher wissen wir, woraus Sterne bestehen?”

Gerrit Faust, Deut­sches Museum

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