Die aktuelle Zwischenbilanz: Längst nicht überall haben laut Verkehrsclub Deutschland Radfahrer freie Fahrt – weiterhin gilt es, sichere und alltagstaugliche Radwege sowie Radnetze zu ermöglichen. Foto: Adobe Stock/ARochau

Ausbau der Radin­fra­struktur: Was erfor­der­lich ist, um gut mit dem Rad voran­zu­kommen

07.04.2026 | Umwelt, Aktuelles | 1 Kommentar

Eine Einord­nung aus dem Verkehrs­club Deutsch­land (VCD)

Mehr Menschen wollen aufs Rad, aber nur, wenn diese Form der Mobi­lität auch sicher und prak­ti­kabel ist. Wie steht es um die Infra­struktur, die benö­tigt wird, um mit dem Rad gut unter­wegs sein zu können? Eine Einord­nung aus dem Verkehrs­club Deutsch­land (VCD) – und ein Appell an die Kommunen.

Als einer der ersten Radfahr­be­auf­tragten in Deutsch­land wurde der Inge­nieur Harry Tebbe in Mainz in den 1980er Jahren in sein Amt berufen, das er bis zum Jahr 2010 beklei­dete. In dieser Zeit prägte er nicht nur in Mainz, sondern bundes­weit die Rich­tung, in die sich der Radver­kehr in den Kommunen entwi­ckelte – oder entwi­ckeln sollte.

Unter anderem leitete Tebbe zeit­weise die Arbeits­gruppe zur fahr­rad­freund­li­chen Reform der StVO. In Mainz setzte er durch, dass bundes­weit die ersten Einbahn­straßen für den Radver­kehr in Gegen­rich­tung geöffnet wurden: Radfahrer müssen in dieser Situa­tion nicht mehr die Beschrän­kungen auf sich nehmen, die nur zugunsten der Flüs­sig­keit des Auto­ver­kehrs erlassen werden. Auch aus Sicht der Polizei hat sich dies auf den vielen Straßen in Mainz, bei denen die Rege­lung ange­wendet wurde, bewährt.

Radwege zwischen Auto- und Fußver­kehr

Ande­rer­seits offen­baren die 235 Kilo­meter Radwege, die Mainz am Ende der Amts­zeit Tebbes in Mainz vorzeigen konnte, ein Dilemma. Der tradi­tio­nelle Vorrang des flüs­sigen Auto­ver­kehrs blieb für manche Behörden, für einige Teile der Politik sowie für etliche Bürge­rinnen und Bürger der Maßstab. 

Radwege sind auch bei einer nomi­nell auf Radver­kehr orien­tierten Politik oft nur dort entstanden, wo sie den Auto­ver­kehr nicht stören. Viel­fach wurde im Raum für den Fußver­kehr, der vorher funk­tio­nierte, mit einem Mittel­strich ein Teil der Fläche zum Radweg erklärt, so dass danach weder Rad- noch Fußver­kehr stress­frei waren. Oder man hat – mit dem glei­chen Ergebnis – den Fußweg mit einem blauen Schild zum gemein­samen Weg etiket­tiert.

Das Unfall­pro­blem an den Stra­ßen­kreu­zungen wuchs eher noch. Ihnen blieb der fakti­sche Vorrang des Auto­ver­kehrs einge­schrieben. Allzu leicht werden Radfahrer, wenn sie ihr Vorfahrts­recht wahr­nehmen, dem Auto vor die Räder geschickt.

Radfahrer wollen sichere Routen

Mit dem allmäh­lich zuneh­menden Radver­kehr ist aller­dings in den letzten Jahren klar geworden und wurde auch immer deut­li­cher arti­ku­liert: Menschen wollen für den Umstieg auf das umwelt- und stadt­freund­liche Verkehrs­mittel Fahrrad gute und sichere Stre­cken nutzen. Stre­cken zudem, die sich zu sinn­vollen Routen verbinden – so wie es der Alltags­we­ge­be­darf vorgibt.

Das Radnetz muss insbe­son­dere auf den Haupt­stre­cken ein zügiges Fahren gestatten, wie es dank Elek­tro­un­ter­stüt­zung heute viele Menschen schätzen –  auch mit breiten Anhän­gern, mit Lasten­rä­dern, die Kinder trans­por­tieren, stets bei dem gebo­tenen Sicher­heits­ab­stand zum fahrenden und ruhenden Auto­ver­kehr sowie zu Fußgän­gern. Radrouten werden dabei zum Netz, indem Verbin­dungen durch­gängig und verständ­lich ausge­schil­dert sind.

Hinder­nisse fürs Zweirad

In tradi­tio­nell radaf­finen Städten und Regionen, oft bei eher flacher Topo­grafie, konnten entspre­chende Konzepte vergleichs­weise gut voran­ge­bracht werden. Wo die histo­ri­sche Gestalt oder die geogra­fi­sche Lage die Straßen eng machen, müssen größere Konflikte durch­ge­standen werden, um dem Radver­kehr den benö­tigten Raum zu geben.

Zur Förde­rung des Radver­kehrs muss auch der Raum für das Abstellen und Verfüg­bar­halten der Fahr­räder bereit­ge­stellt werden. Fahr­räder sind viel platz­öko­no­mi­scher als Autos und verhelfen deswegen – wie in vielen Studien nach­ge­wiesen – auch der Geschäfts­welt zu mehr Kunden­be­su­chen, aber nur wenn sie auch abge­stellt werden können. In vielen Kommunen gibt es bereits Stell­platz­vor­gaben bei Neu- und Umbauten von Gebäuden. Dazu müssen verbreitet öffent­liche Radab­stell­an­lagen kommen.

Vier wich­tige Faktoren für den Ausbau der Radin­fra­struktur

Für die Entwick­lung der Fahr­rad­mo­bi­lität gilt:

  • Bei der Radin­fra­struktur geht es um die Entwick­lung eines durch­ge­henden Radnetzes, das ein sicheres, zügiges Fahren zu allen Jahres­zeiten gestattet. Auf die Gestal­tung von Kreu­zungen wie auch von Ein- und Ausfahrten ist dabei beson­ders zu achten, da sie die Unfall­schwer­punkte bilden.
  • Bei der Stadt­ent­wick­lung ist der ruhende Radver­kehr genauso zu berück­sich­tigen wie tradi­tio­nell der Platz für den ruhenden Auto­ver­kehr.
  • Für beides bietet die neue Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung zeit­ge­mäße Möglich­keiten. Jede Kommune kann jetzt „ange­mes­sene Flächen“ zugunsten von Radfah­rern oder von Fußgän­gern umwidmen. Davon sollte sie zum Schutz von Klima, Umwelt und Gesund­heit Gebrauch machen.
  • Sofern trotzdem nicht der Platz für eine getrennte, sichere Radin­fra­struktur exis­tiert, bleibt der Misch­ver­kehr von Rädern und Autos. Damit eine Kultur des rück­sichts­vollen, sicheren Fahrens gepflegt wird, ist die Geschwin­dig­keit auf 30 Stun­den­ki­lo­meter zu begrenzen. Fahr­rad­straßen und ansonsten Fahr­rad­pik­to­gramm­ketten auf der Fahr­bahn signa­li­sieren Auto- wie Radfah­rern, dass der Radver­kehr dort seinen Platz hat.

Die Entwick­lung der Radin­fra­struktur ist dabei nicht als allei­nige Behör­den­auf­gabe zu verstehen. Zu ihrem Erfolg bedarf sie der Koope­ra­tion mit zivil­ge­sell­schaft­li­chen Initia­tiven und Verbänden wie dem Allge­meinen Deut­schen Fahrrad-Club (ADFC) und dem Verkehrs­club Deutsch­land (VCD).

Bernd Sluka, Rupert Röder

Beitrag teilen:

1 Kommentar

  1. In Jahr­zehnten hatte ich nie das Gefühl, in Ober­schleiß­heim nicht “gut mit dem Rad voran­zu­kommen”. Auch ohne so einen Lobby­text. Aber man muss natür­lich mit allen Verkehrs­mit­teln part­ner­schaft­lich agieren. Das wiederum fällt den Radfah­rern offenbar zuneh­mend schwer und dann schreit man danach, gefäl­ligst ordent­lich Extra­würste gebraten zu bekommen. Da fehlt mir jegli­ches Verständnis. Der Text sollte wohl lieber als “Werbung” gekenn­zeichnet werden.….

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert