Die Sonderausstellung "Inside the Suit" ist bis zum 30. November 2026 in der Flugwerft zu sehen. Fotos alle privat

Neue Sonder­aus­stel­lung in der Flug­werft Schleiß­heim: „Inside the Suit – Der Mensch im Raum­anzug“

24.05.2026 | Ankündigungen, Kultur & Freizeit | 0 Kommentare

Maßge­schnei­dert fürs All

Wie funk­tio­niert ein Raum­anzug? Wie hat er sich über die Jahr­zehnte hinweg entwi­ckelt? Welche Rolle spielt er als Symbol­ob­jekt? Und was werden die Anzüge der Astro­nauten von morgen können? All das zeigt die Sonder­aus­stel­lung „Inside the Suit“ ab 22. Mai in der Flug­werft Schleiß­heim. Es gibt viele beein­dru­ckende Expo­nate zu sehen – und man erfährt, wie das Leben und Arbeiten im All wirk­lich ist. Die Ausstel­lung ist das Ergebnis einer außer­ge­wöhn­li­chen Koope­ra­tion: Gymna­si­asten der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürn­berg haben die Inhalte gemeinsam mit dem Hermann-Oberth-Raum­fahrt-Museum in Feucht erar­beitet.

Gleich im Eingangs­be­reich wartet das älteste Exponat der Ausstel­lung auf die Besu­cher: Es ist der Anzug einer sowje­ti­schen Kosmo­nautin, die als Ersatz für Walen­tina Teresch­kowa gedacht war. Teresch­kowa war 1963 die erste Frau im All. Solche Anzüge, in denen die Kosmo­nau­tinnen damals trai­nierten, waren damit auch die ersten Raum­an­züge speziell für Frauen. Am rechten Unterarm des Anzugs ist übri­gens ein kleiner Spiegel einge­baut. „Nein, das ist kein Kosme­tik­spiegel“, sagt Kurator Michael Zuber vom Oberth-Museum, der die Ausstel­lung koor­di­niert hat. „Versu­chen Sie mal, sich mit diesem Helm auf dem Kopf nach hinten umzu­schauen. Geht nicht. Deshalb gibt’s den Spiegel.“

Während diese frühen Anzüge eini­ger­maßen impro­vi­siert aussahen, addieren sich die Kosten eines heutigen Raum­an­zugs — maßge­schnei­dert und mit modernster Technik voll­ge­stopft – inklu­sive der Entwick­lung auf rund eine Milli­arde Dollar. Auch das erfährt man in der Ausstel­lung — gleich nebenan. In diesem Raum der Sonder­aus­stel­lung gibt es neben einem sowje­ti­schen Sport-Raum­anzug, der tatsäch­lich schon im All war, auch ein 20-minü­tiges Inter­view mit dem Astro­nauten Thomas Reiter zu sehen, das die Schüler selbst konzi­piert und geführt haben. „Die Gymna­si­asten haben sich in das Thema richtig rein­ge­fuchst“, sagt Zuber. Einer hat sogar ein rich­tiges kleines Diorama gebas­telt. „Ihn hat faszi­niert, wie Astro­nauten in einem großen Schwimm­be­cken in ihren Raum­an­zügen für den Einsatz im Weltall trai­nieren – und er hat diese Szene im Kleinen nach­ge­baut.“

Die Elft­klässler haben sich ein Jahr lang mit dem Thema im Rahmen einer Projekt­ar­beit beschäf­tigt – heraus­ge­kommen ist eine äußerst profes­sio­nell anmu­tende Ausstel­lung. Zuber erklärt: „Die Grund­fragen waren: Was ist ein Raum­anzug, was muss er können, und wie hat er sich histo­risch entwi­ckelt?“ Die Vorläufer des Raum­an­zugs gibt es hier natür­lich auch zu sehen: Gasdichte Schutz­an­züge gab es schon im 19. Jahr­hun­dert, später kamen Taucher­an­züge und Piloten-Druck­an­züge für Flüge in großer Höhe hinzu. Deshalb sind in der Ausstel­lung nicht nur die Helme von Raum­fah­rern, sondern auch von Tauchern zu sehen. Diese Vorläufer beein­flussten das Bild der Raum­an­züge in der Science-Fiction-Lite­ratur – und in der Wissen­schaft. „Unser Namens­geber Hermann Oberth hat in einem Brief von 1924 an den Rake­ten­pio­nier Max Valier ein fiktives Fußball­spiel von Astro­nauten auf dem Mars­mond Phobos gezeichnet. Und natür­lich tragen diese Fußball­spieler Raum­an­züge.“ Schon in Oberths Buch von 1929 „Wege zur Raum­schif­fahrt“ werde erläu­tert, was so ein Raum­anzug eigent­lich leisten muss, sagt Zuber. Mehr als 30 Jahre, bevor der erste Mensch im Welt­raum war.

Die Schüler des Praxis Semi­nars der 11. Klasse, die mitt­ler­weile schon die 12. Klasse besu­chen, waren zur Ausstel­lungs­er­öff­nung in die Flug­werft nach Ober­schleiß­heim gekommen. Vlnr vorne: Till Valentin Lutz, Felix Glöß­inger, Karl-Heinz Rohr­wild, Magnus Meichel­beck, Jakob Male­tius, Fabrice Lehrieder, Maria Hohen­schild, Julian Enghardt. Hinten: Kurator Michael Zuber vom Oberth-Museum, Klaus-Diet­rich Flade, ehema­liger Astronaut(1992), Ober­stu­fen­ko­or­di­nator der Wilhelm-Löhe- Schule Ulrich Ding­felder, Andreas Hempfer, Kurator Deut­sches Museum, Prof. Ulrich Walter, ehema­liger Astro­naut (1993)
Begeis­tert sich auch für Wissen­schaft und Technik: Maria Hohen­schild, die einzige weib­liche Teil­neh­merin an diesem beson­deren P- Seminar der Wilhelm-Löhe-Schule

In der Ausstel­lung werden schwie­rige Themen nicht ausge­spart. „Die Darstel­lung auch der grau­samen Menschen­ver­suche während des Nazi-Regimes war uns wichtig“, sagt Zuber. Vor allem in Dachau wollte man heraus­finden, wie der mensch­liche Körper Kälte, Unter­druck und Strah­lung aushält.

Neben der Geschichte wird aber auch die Zukunft der bemannten Raum­fahrt darge­stellt. „Die Schüler haben sich auch mit der Frage befasst, wie die Raum­an­züge der Zukunft aussehen könnten – und welche neuen Möglich­keiten Augmented Reality für die Technik bietet.“ Gleich nebenan kann man mit einem Gummi­band selbst auspro­bieren, wie anstren­gend das Arbeiten in einem Raum­anzug ist.  „Man denkt ja immer, in der Schwe­re­lo­sig­keit fiele einem das alles leicht. Aber wenn man stun­den­lang in so einem Anzug arbeiten muss, schläft man gut in der Nacht.“

Beson­ders liebens­wert sind die beiden Ausstel­lungs­be­reiche, die sich mit der kultu­rellen Rezep­tion des Themas befassen. Dort gibt es sehr nied­liche Puppen im Raum­fahr­erdress zu sehen, die in der Früh­zeit immer mit großen Funk­an­tennen ausge­stattet waren – oder Press­luft­fla­schen auf dem Rücken und Werk­zeug im Gürtel trugen. Eine Welt­raum-Barbie nach dem Vorbild der ersten US-Astro­nautin Sally Ride gibt es auch zu sehen. Oder origi­nale Zeitungs- und Zeit­schrif­ten­titel mit Raum­fahrt­bezug – wie die legen­däre „Bild“-Schlagzeile von 1969: „Der Mond ist jetzt ein Ami“.

Wenn Menschen rund 60 Jahre später wieder auf dem Mond landen, werden sie das in Raum­an­zügen tun, die ganz anders aussehen als der, der bei den Apollo-Missionen im Einsatz war – auch ein solcher Anzug ist in der Ausstel­lung zu sehen. Aber die grund­sätz­liche Aufgabe des Anzugs ist immer noch dieselbe: Er soll Menschen ermög­li­chen, in einer extrem lebens­feind­li­chen Umge­bung zu über­leben, zu arbeiten und zu forschen.  

Ober­schleiß­heim hat einen Astro­nauten — We proudly present: “Prof. Hans ‑Walter Ulrich!”

Dass der Physiker Hans-Walter Ulrich, ehema­liger Wissen­schafts­as­tro­naut und Inhaber des Lehr­stuhls für Raum­fahrt­technik (i.R.) an der Tech­ni­schen Univer­sität München, in Ober­schleiß­heim wohnt, ist wohl den wenigsten bekannt.

Zur Ausstel­lun­ge­r­öff­nung kam er als jemand, der den Raum­anzug höchst­selbst am Leibe getragen und erfahren hat, denn am 26. April 1993 flog er als Wissen­schaftler und Wissen­schafts­jour­na­list im Space Shuttle Columbia (OV-102) der NASA ins Weltall.

Und er kam auch tatsäch­lich in seinem original “Flight­siut” von 1993, seinem “Arbeits­anzug”, den er während seines Aufent­haltes im Space Shuttle getragen hatte und witzelte: “Es ist erstaun­lich, dass ich nach all den Jahren noch in diesen Anzug hinein­passe, aber ja…ein biss­chen zwickt’s hier und dort”.

Hans-Walter Ulrich 1993
Hans-Walter Ulrich 2024

Die Ausstel­lung ist bis zum 30. November 2026 in der Flug­werft zu sehen.

Gerrit Faust/ Ingrid Lind­büchl

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