Ein Platz für die Menschen

Die Adresse Bahnhofsplatz ist in Oberschleißheim immer noch beim historischen Bahnhof; vor dem S-Bahnhof aus 1972 gibt es ein Knäuel an Straßen, garniert mit Bushaltestellen, eine Grünfläche ohne Kontext, irgendwo Elektro-Ladestellen und nebenan geht es zu den Bahnsteigen.

Jetzt wurde die Situation grundlegend überplant. Aus einem Planungswettbewerb mit elf teilnehmenden Büros hat das Preisgericht einen so eindeutigen Sieger gekürt, dass gar kein zweiter Platz vergeben wurde, um die Dominanz des Siegerentwurfs von Andreas Kicherer, „OK Landschaft“ aus München, zu unterstreichen.

„Der Ort bekommt eine Aufwertung“, versprach Landschaftsarchitekt Markus Schäch als Vertreter des Preisgerichts bei der Vorstellung der Arbeiten am Montag im Bürgerzentrum (Bild unt.). Bürgermeister Markus Böck freute sich über „eine super Lösung“.

Der große Kniff des erfolgreichen Entwurfs ist es, die Verschwenkung der Mittenheimer Gewerbestraße vor dem Bahnhof zu begradigen. Die beiden parallelen Straßen, die sich nach dem „Hit“-Markt trennen, um dazwischen die Grüninsel mit dem Flötenbrunnen zu bilden, werden nun bis zur gemeinsamen Einmündung in die von der Bahnbrücke abführenden Mittenheimer Straße parallel geführt.

So entsteht ausreichend Fläche, um alle Bushaltestellen inclusive der neuen Expressbus-Linie direkt an den beiden Straßen halten zu lassen. Der in der bisherigen Straßenverschwenkung neu entstehende Platz vor dem Bahnhof wird so komplett Auto- und Bus-frei. „Der Platz steht den Menschen zur Verfügung“, sagte Schäf.

Weil die bisherige Grüninsel weichen muss, wird der Flötenbrunnen verlegt. Der neue Platz wird geprägt von viel Bäumen, wobei die bisher dort verteilten Bäume trotz der neuen Straßenführung überwiegend erhalten werden können, und Blüteninseln, die allesamt von Sitzmauern und -bänken eingefasst werden.

Diese Gestaltung greift auch über in die bislang ungenutzte Grünfläche an der Brückenböschung mit dem Gemeindewappen, auch die wird mit Wegen und Sitzgelegenheiten erschlossen. Der bislang nicht wahrnehmbare Biergarten des Bahnhofskiosk‘ wird in den neuen Platz gezogen.

Die erweiterten modernen Fahrradständer sind in der nördlichen Verlängerung des Bahnhofsgebäudes angesiedelt, aber auch jenseits des Platzes, so dass es dort keinerlei konkurrierenden Verkehre gibt. „Sehr hohe Aufenthaltsqualität“ erwartet Schäf und versprach: „Sie werden viel Spaß an dem Platz haben.“

(Auf der Grafik der Gemeinde oben ist der große neue Platz mit dem Flötenbrunnen zu sehen, eingefasst von Bäumen. Darunter die verlegte Gewerbestraße mit den Buswartehäuschen an Gewerbe- und paralleler Staatsstraße (ganz unten) und (rechts) die Grünanlage mit dem Wappen.)

Der Gemeinderat hat – widersinnigerweise hinter verschlossenen Türen – den Preisträger bereits mit der Realisierung beauftragt. Geplant ist, mit den letzten Arbeiten an der Bahnbrücke bereits auf die neuen Pläne einzugehen und die Baustellen dann ineinander übergehen zu lassen, so dass 2023 mit der Realisierung begonnen werden soll.

Die Umgestaltung ist ein spätes Projekt im Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“, in dem auch bereits das neue Oberschleißheimer Ortszentrum realisiert wurde. Über das Programm werden bis zu 60 Prozent der Umbaukosten von staatlichen Zuschüssen getragen.

Die elf Entwürfe und ihre Ideen für den Platz sind noch zwei Wochen im Foyer des Bürgerzentrums ausgestellt.

5 Lesermails

  1. Auf den ersten Blick sieht der Entwurf für den neuen Bahnhofsvorplatz wirklich sehr gut aus, beim genaueren Betrachten zeichnen sich aber doch eine ganze Reihe von Problempunkten ab.

    Bereits erwähnt wurde, dass der Platz für gehbehinderte Personen eine massive Verschlechterung bedeutet, da die Wege länger werden und keinerlei direkte Abholmöglichkeiten mehr bestehen. Das Argument, es kann ja alternativ der Bus benutzt werden, zieht da überhaupt nicht.

    Die Rotdornstraße ist auch keine Alternative. Im Bereich des Aufzugs besteht absolutes Halteverbot. Schon jetzt kommt es häufig vor, dass Abholer minutenlang die Rotdornstraße blockieren oder durch gewagtes Parken Beinahe-Unfälle provozieren. Besser wäre es, statt „Kiss and Ride“ Kurzzeitparkplätze für 30 Minuten einzurichten.

    Für Fußgänger und Radfahrer ergibt sich durch den Wegfall der Insel an der Einmündung der Straße von/zur Brücke ein weiterer Gefahrenpunkt, also auch hier eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Ist-Zustand.

    Der Brunnen wirkt lieblos deplatziert, so, als ob er halt irgendwo untergebracht werden musste, weil es so vorgegeben war. Wenn es schon so sein soll, dann sollte dies wenigstens dazu genutzt werden, ein Problem zu beseitigen, das der Brunnen von Anfang hat hat: Entgegen den Vorgeben wurde seinerzeit von der Gemeinde eine leistungsschwächere Pumpenanlage eingebaut, die es als Sonderangebot gab. Dies konnte kurz vor der Einweihung nur durch eine kurzfristige Veränderung der Düsen mehr schlecht als recht kaschiert werden.

    Ob die Anordnung des Biergartens durch die langen Wege für die Betriebsorganisation zweckmäßig ist, darf auch bezweifelt werden.

    Die Gewerbestraße ist eigentlich für die Erschließung der Gewerbeflächen östlich der Mittenheimer Straße gedacht. Den auf dem Plan eingetragenen Verbotsschildern nach ist die Einfahrt in den Bereich der Bushaltestellen nur noch für Linienbusse erlaubt. Der gesamte Verkehr zu und von den Gewerbeflächen muss also zukünftig über Mittenheim fahren. Gerade für Lkw mit Anhänger oder Sattelschlepper wird dies mangels Wendemöglichkeit zur Falle werden.

    Die Problematik, die durch den Wegfall der Wendeschleife für Busse entsteht, wurde bereits in einem anderen Lesermail erwähnt. Die neue Ausfahrt für Busse nördlich des Hit-Markes stellt insbesondere für Fußgänger und Radfahrer eine große Unfallgefahr dar, da der Weg für die Querung sehr lang ist. Der Plan funktioniert auch nur dann, wenn die Ampelanlage mit einer Vorrangschaltung für die Busse ausgestattet wird. Die Konsequenz daraus ist in der Hauptverkehrszeit ein problematischer Rückstau durch Linksabbieger wegen der verkürzten Abbiegespur.

    Die grundlegenden Notwendigkeiten für sinnvolle Radwege sind in der ganzen Planung nicht vorhanden. Wenn das Fahrradfahren attraktiver gemacht werden soll, dann muss bei Neuplanungen darauf geachtet werden, dass für den Fahrradverkehr optimale Bedingungen geschaffen werden, ohne dass dies zum Nachteil für Fußgänger wird. Im Bereich der Bushaltestellen wird dies zum Alptraum für Radler und Gefahrenquelle für Buspassagiere. Dies bedeutet, dass der Fußweg mindestens 1,5 breit werden muss und den Radfahrern je Fahrrichtung mindestens ein 2 Meter breiter Weg zur Verfügung steht. Im Bereich der Bushaltestellen sollte baulich sichergestellt werden, dass aussteigende Passagiere nicht direkt in den Radweg hineinlaufen können.

    Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, oder ob es nicht besser wäre, das für den Umbau vorgesehene Geld für Klimaschutzmaßnahmen an gemeindeeigenen Gebäuden einzusetzen.

  2. Offenbar hat hier kaum jemand eine Ahnung, wie so ein Architekturwettbewerb ablaufen muss. Auch mit dem berechtigten Wunsch nach einer Bürgerbeteiligung ist es so, dass bei einem Wettbewerb die künstlerische Freiheit der Teilnehmenden eine der höchsten Anforderungen ist.

    Zitat von Dr. Giese in einer Leitlinie (akbw.de): „Dabei erfordern die Lösungen planerischer Aufgaben ein Ermitteln, Abwägen, Verwerfen, Entdecken und Verknüpfen komplexer Kontexte, die allein durch ein Addieren von Anforderungen und unmittelbares Umsetzen nicht erreichbar wären. Erst die abgeschlossene Formulierung einer Aufgabe, das Überlassen einer freien Lösungssuche und die anonymisierte Präsentation der gefundenen Lösungen erlauben Auslobern wie Teilnehmern ein Höchstmaß eigener Kreativität und Identifikation. Die Klarheit dieser Verfahrensschritte erlaubt Innovationen und Konzeptionen zu erfinden, Denkverbote zu verhindern und die Wirksamkeit von Maßnahmen ggf. damit zu vervielfachen.“

    Die Bewertung der Entwürfe erfolgt durch ein fachkundiges Preisgericht nach strengen Kriterien und einem formalisierten Verfahren. Dabei wird auch intensiv geprüft, ob die Machbarkeit mit allen Anforderungen umgesetzt wurde. Die Aufgabe hier war sehr schwer und der ausgezeichnete Entwurf war nicht der letzte, der übrig geblieben ist, sondern hat das Preisgericht (und mich als Mitglied desselben) deutlich überzeugt.

    Bei einem Realisierungswettbewerb, wie es ihn hier gegeben hat, gibt es anschließend eine Auftragsvergabe unter den Preisträgern. Auftragsvergaben sind grundsätzlich nichtöffentlich, das ist so gesetzlich festgelegt. Bei einem Wettbewerb kommen dann noch Sperrfristen dazu.

    Danach erst kann die Veröffentlichung und die Bürgerbeteiligung beginnen, bei der natürlich noch konstruktive Verbesserungsvorschläge einfließen können.

  3. Ich habe mir das mal angesehen. Abgesehen davon, dass die Abholung von Gästen mit Gepäck oder Gehbehinderung mit dem Auto etwas erschwert wird (dafür nutzt man dann wohl auf der anderen Seite die Rotdornstr.), sehe ich vor allem für den Bus ein Riesenproblem: Die Wendeschleife entfällt.

    Dadurch wird der bisherige „Schlenker“ an den Bahnhof zu einem ausgewachsenen Umweg. Denn entweder muss der Bus nun den Umweg über Mittenheim nehmen, oder mitten im Bahnhofsverkehr irgendwie halbschaurig wenden.

    Oder ist es wirklich so gedacht, für den Bus eine weitere Einmündung am HIT zu bauen, also dort eine weitere Kreuzung mit Ampel zu schaffen? Das wäre ja eine absolut hirnrissige Blockade im Verkehrsfluss!

  4. Nun hat es unsere Gemeinde wieder vollbracht, ihren Bürgern die Last von Mitwissen, Beteiligung und Entscheidungen zu ersparen. Ausschreibungskriterien ohne diese Störer, Finale hinter verschlossenen Türen im Juli, huldvolle Bekanntgabe an die Gemeinen via Presse und Facebook Ende September… ja geht’s noch?

    Ich will den Entwurf nicht schmälern und kann es auch nicht, denn gestern, Sonntag, war dieser im Bürgerhaus leider nicht zu finden. Mir geht es aber um die grundsätzliche Bürgerbeteiligung, die bei solchen Vorhaben allüberall Usus ist – mit Ausnahme bei den Gutsherren in Oberschleißheim. Hier scheint sie hoffnungslos im Stau der Bahnschranke zu gefangen und wir hinken gegenüber unseren Nachbarn traurig zurück. Schon deprimierend, oder?

    Zudem diese Beteiligung der klammen Gemeinde nichts kostet, nicht mal Zeit, wenn man das Konzept richtig anlegt. Aber die doofen, störenden Bürger werden sich nun hoffentlich vermehrt zu Wort melden.

    Auch zum zweiten Punkt. Was einigen Fraktionen logisch erscheinen mag, dass nach der Namensgebung des Bürgerplatzes an die CSU via Entscheidung im Kämmerlein nun die Sozialdemokraten dran seien, zeugt von einer haarsträubenden demokratischen Einstellung: Fraktion first. Wohlgemerkt, Max Mannheimer war eine honorige Persönlichkeit durch und durch und ist über alle Zweifel erhaben. Ich hatte noch das Glück, ihn mehrfach bei Vorträgen und Gesprächen zu erleben. Es war kein Vergnügen; er hat mich tief beeindruckt. Geprägt durch seine Erfahrungen und Leiden war er ein sehr ernster Mensch, eine große Persönlichkeit, zurecht vielfach und hoch ausgezeichnet, dessen großes Vermächtnis es aber war und ist, die Schrecken der Gewaltherrschaft der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

    Ihm ging es dabei auch sehr explizit um Demokratie, und zwar um Basisdemokratie, und damit gegen Gutdünken. Ideal der Name des Max-Mannheimer-Platzes im fernen München mit dem Dokumentationszentrum Nationalsozialismus. Klasse auch die Namensgebung passender Bildungseinrichtungen, wie bspw. in Dachau. Dass er aber nun zurechtgebogen Namensgeber für einen bunten, wuseligen Platz mit Prosit und Hirtenbrunnen werden soll? Ich weiß nun wirklich nicht.

    Allein schon das Procedere dazu wäre ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zutiefst zuwider gewesen. Auch das sollte man bedenken.

    Nur gut, dass der Bürger m/w/d in Oberschleißheim nicht interessiert, werte Bürgermeister und Räte.

  5. Zwischenzeitlich habe ich mir auch die Pläne im Bürgerhaus angesehen. Ich finde den mit dem 1. Preis ausgezeichneten Plan für sehr gelungen. Sicher kann der „neue“ Max-Mannheimer-Platz ein schöner Platz zum Verweilen und Begegnen für „den Menschen“ werden und nicht nur zum Rennen beim Einkaufen und Zug- und Bus-Erreichen.

    Für den Hirtenbrunnen könnte man allerdings einen zentraleren Platz als direkt vor der Bahnhofstreppe auswählen. Auch für das Toilettenhäuschen könnte man ein dezenteres Plätzchen als direkt vor dem Bahnhofseingang finden.

    Ich hoffe nur, dass die Fortschritte für die Fertigstellung dieser Neugestaltung am Bahnhof zügig vorangehen und nicht wie bei der Ausführung des „REWE- und Sedlmayer“-Geländes ewig hinausgezögert wird. Bereits bei der letzten öffentlichen Bürgerversammlung, damals noch mit Bürgermeister Kuchlbauer, wurde uns versprochen, dass dieser Teil des Bürgerzentrums innerhalb von drei Jahren realisiert wird. Bis heute ist außer einem Bauzaun nichts passiert und das Gelände liegt immer noch brach und verkommt immer mehr. Zwischenzeitlich ist diese ehemalige Mitte zum Schandfleck der Parksiedlung geworden. Ich würde mir wünschen, dass Dieses Gelände bald auch zu einem „Platz für den Menschen“ wird.

Lesermail verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.