Abb.: Deutsches Museum

Jagd­flug­zeug in der Flug­werft Schleiß­heim könnte NS-Raubgut sein

19.03.2025 | Schlösser & Museen | 0 Kommentare

“Fokker” aus dem Ersten Welt­krieg vorerst als Leih­gabe in nieder­län­di­schem Mili­tär­mu­seum

Heim­kehr auf Zeit: Ein Jagd­flug­zeug in der Flug­werft Schleiß­heim könnte NS-Raubgut sein, haben vom Deut­schen Museum initi­ierte Forschungs­ar­beiten ergeben. Die „Fokker D.VII“ sollte wohl Hermann Göring zum Geschenk gemacht werden. Jetzt geht das Flug­zeug vorerst als Leih­gabe in die Nieder­lande zurück.

Es ist das vorläu­fige Ergebnis eines wahren Wissen­schafts-Krimis: Die „Fokker D.VII“, die derzeit noch in der Flug­werft Schleiß­heim ausge­stellt ist, kommt im September ins Mili­tär­mu­seum in Soes­ter­berg. Das Jagd­flug­zeug aus dem Ersten Welt­krieg wird zunächst für fünf Jahre in den Nieder­landen präsen­tiert, samt seiner beson­deren Geschichte. Denn die Herkunft der Maschine – und damit die Frage, ob es sich um Raubgut aus der NS-Zeit handelt – ist trotz inten­siver Detek­tiv­ar­beit immer noch nicht geklärt. Die deutsch-nieder­län­di­sche Forschungs-Koope­ra­tion dazu wird fort­ge­setzt. 

Die Fokker war kurz nach dem Zweiten Welt­krieg von einer Einheit der „Monu­ments, Fine Arts & Archives Section“ der US-Armee mit anderen Flug­zeug­teilen in einem Schuppen in Vils­bi­burg entdeckt worden. 1948 wurde sie dem Deut­schen Museum zur Verwah­rung gegeben. 1958 bekam das Flug­zeug als laut Text­tafel „bestes deut­sches Jagd­flug­zeug am Ende des Ersten Welt­kriegs“ einen dauer­haften Platz in der Flug­technik-Ausstel­lung. Hermann Göring, späterer Reichs­luft­fahrt­mi­nister und Ober­be­fehls­haber der NS-Luft­waffe, war so ein Modell als Kampf­pilot geflogen. 

Aller­dings war die Maschine in der Ausstel­lung des Deut­schen Museums trotz des typi­schen Tarn­mus­ters gar nicht „deutsch“. „Wir wissen, dass unsere Fokker D.VII aus Beständen der nieder­län­di­schen Mari­ne­flieger stammt“, sagt Andreas Hempfer, Kurator für Histo­ri­sche Luft­fahrt am Deut­schen Museum. Das beweisen Lack­reste, die bereits 1980 unter der „deut­schen“ Tarn­be­ma­lung gefunden wurden. „Was wir nicht wissen, ist, ob das Flug­zeug als Geschenk oder als Raubgut nach Deutsch­land kam“, so Hempfer weiter, „denn wir wissen immer noch nicht mit Sicher­heit, welche Maschine das ist.“

Von der großen weißen Kennung, die unter der Tarn­farbe sichtbar wurde, sind nur ein „D“ und der untere Teil einer „2“ eindeutig erkennbar. Von einer zweiten Ziffer ist nur der untere Rest erhalten. Es könnte eine 0, eine 6 oder eine 8 sein. „Die Kenn­zeich­nung belegt eindeutig, dass es sich um ein ehema­liges Flug­zeug der nieder­län­di­schen Mari­ne­flieger handelt“, sagt Bern­hard Wörrle, Prove­ni­enz­for­scher am Deut­schen Museum. Aber welches? „Das ist für eine dauer­hafte Rück­gabe eine entschei­dende Frage“, sagt Wörrle.

Gemeinsam mit Kollegen aus den Nieder­landen hat er heraus­ge­funden, dass die Maschine mit der Kennung „D 28“ 1937 dem König­lich Nieder­län­di­schen Luft­fahrt­ver­band als Exponat für ein geplantes Natio­nales Luft­fahrt­mu­seum über­lassen wurde. „Wäre unsere Fokker diese Maschine, könnte es sich um einen mögli­chen Resti­tu­ti­ons­fall handeln“, sagt Bern­hard Wörrle. Tatsäch­lich wurden bei weiteren Unter­su­chungen auf drei Verklei­dungs­ble­chen Plaketten mit der Inschrift „D 28“ gefunden. „Aller­dings lassen sich diese Abdeck­bleche unter Umständen auch austau­schen“, sagt Andreas Hempfer. Bern­hard Wörrle hat außerdem in den Akten des Deut­schen Museums Doku­mente gefunden, die eher in Rich­tung „D 20“ weisen. „Und auch am Flug­zeug selbst gibt es eine Plakette auf dem Tank, die besser zur D 20 als zur D 28 passt.“ Denkbar ist auch, dass die Museums-Fokker aus Teilen beider Flug­zeuge zusam­men­ge­baut wurde.

Zudem wurde die Maschine nicht nur umla­ckiert, sondern nach­träg­lich auch wieder auf eine Moto­ri­sie­rung aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs umge­rüstet. „Das heißt, egal, ob es die D 20 oder die D 28 ist – die komplette Vorder­partie ist nicht original und stammt von mindes­tens einem weiteren Flug­zeug“, sagt Wörrle. Warum die Maschine umge­baut wurde, dafür wurde bei den Recher­chen in nieder­län­di­schen Geheim­dienst­un­ter­lagen folgende mögliche Erklä­rung gefunden: „Das Flug­zeug sollte ursprüng­lich wohl ein Geschenk für Hermann Göring werden.“ Und dafür sollte die Maschine wie eine deut­sche D.VII aus der Zeit des Ersten Welt­kriegs aussehen.

Später war das Flug­zeug dann wohl für ein von Göring in Berlin geplantes NS-Luft­waf­fen­mu­seum vorge­sehen. Doch wurde das Flug­zeug von den deut­schen Besat­zern zuvor tatsäch­lich beschlag­nahmt bzw. geraubt? „Falls es sich um die D 28 handelt, könnte es auch sein, dass die Spitzen der nieder­län­di­schen Luft­fahrt das Muse­ums­flug­zeug damals den Deut­schen frei­willig über­lassen haben, um sich mit den neuen Herren gut zu stellen“, sagt Wörrle. Wenn es die D 20 ist, wäre der Fall deut­lich weniger brisant: Die war damals nämlich kein Muse­ums­stück, sondern nur noch ausge­mus­terter Flug­zeug­schrott.

„Es ist auch frag­lich, ob sich der Fall jemals ganz klären lässt“, sagt Bern­hard Wörrle. „Trotzdem wollten wir nicht einfach nichts tun und die D.VII mit ihrer frag­wür­digen Herkunft so in der Flug­werft stehen lassen.“ Darum haben sich Deut­sches Museum und die Stichting Konik­lijke Defen­sie­musea auf eine Über­gangs­lö­sung geei­nigt: Die D.VII wird ab September zunächst für fünf Jahre an das nieder­län­di­sche Mili­tär­mu­seum in Soes­ter­berg verliehen, wo mit dem Flug­zeug auch dessen beson­dere Geschichte ausge­stellt wird. Die gemein­same Detek­tiv­ar­beit von nieder­län­di­schen und deut­schen Forschern geht derweil weiter. „Das ist ein ganz hervor­ra­gender Kompro­miss“, findet Wolf­gang M. Heckl, der Gene­ral­di­rektor des Deut­schen Museums. „So können wir trotz der schwie­rigen Daten­lage unserer Verant­wor­tung im Umgang mit der Vergan­gen­heit gerecht werden.“

Stich­wort Fokker D.VII: Ende 1917/Anfang 1918 von den Fokker Flug­zeug­werken in Schwerin entwi­ckelt — Länge: 6,95 Meter — Spann­weite: 8,90 Meter- Besat­zung: 1 — Beson­ders wendig und höhen­taug­lich — Gilt als bestes deut­sches Jagd­flug­zeug des Ersten Welt­kriegs — Von den damals ca. 1000 in Schwerin produ­zierten Maschinen sind heute welt­weit nur noch sieben Exem­plare erhalten.

Gerrit Faust, Deut­sches Museum, München Leitung Presse- und Öffent­lich­keits­ar­beit

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