Radltour mit Otto Bürger und vielen Schleißheimer Geschichten
Auf seinen Führungen, Touren und Veranstaltungen betont der bekannte 87-jährige Oberschleißheimer Ortschronist und 1. Vorsitzender der Freunde von Schleißheim, Otto Bürger, immer wieder, dass er Schleißheimer Geschichte erlebt habe und diese auch für seine Zuhörerinnen und Zuhörer erlebbar machen möchte.
Auf der vom Tourismus Schleißheim e.V. und den Freunden von Schleißheim gemeinsam organisierten historischen Radltour am Muttertags-Sonntag, zu der sich mehr als 50 Teilnehmer*innen eingefunden hatten, wusste Otto Bürger viele Schleißheimer Geschichten zu erzählen. Diese verquickte er geschickt und kurzweilig mit historischen Fakten.
Beim Treffpunkt am Südpavillon des Neuen Schleißheimer Schlosses, gab Bürger einen kurzen Abriss über die Entstehung und Entwicklung der Schleißheimer Schlossanlage, von Bayernherzog Wilhelm V. dem Frommen (1548 bis 1626 — er starb vor genau 400 Jahren in Schleißheim) über die Jahre des Ersten und Zweiten Weltkriegs bis in die heutige Zeit.
Das Neue Schleißheimer Schloss nannte er ein “Juwel in der Geschichte”, denn der 330 Meter lange, monumentale Prachtbau sei neben seiner Schönheit auch bewohnbar gewesen. Kurfürst Max Emanuel hatte mit ehrgeizigen Plänen eine große Residenz nach Versailler Vorbild errichten lassen und wollte sogar hier seinen seinen Lebensabend verbringen. Mit Blick auf den Südpavillon des Neuen Schlosses, welcher noch im Originalzustand erhalten ist, wusste Otto Bürger: “Von außen sieht der Pavillon noch aus wie eh und je, aber bitte schauen Sie nicht hinter die Kulissen!” Dort sei nämlich seit nach dem Zweiten Weltkrieg nichts verändert worden, hergerichtet sei gar nichts. Zwar hätte es 1990 Pläne gegeben, den Pavillon zu sanieren und darin ein Puppen- und Requisitenmuseum einzurichten, doch leider habe die deutsche Wiedervereinigung der Finanzierung des Projekts einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Weiter ging’s im Süden entlang der doppelwandigen Schlossmauer, die einst die gesamte Schlossanlage umgeben hatte. Inmitten der wunderschönen langgezogenen Schleißheimer Heide- und Weideflächen, an den Ausläufern des Rollfeldes des Schleißheimer Flugplatzes liegt das Gebäude der ehemaligen Empfangsanlage des Rundfunksenders Freies Europa.
Auf Höhe dieser ehemaligen Sendestation “Radio Liberty” stoppte die Fahrradkolonne zum zweiten Mal und Otto Bürger erzählte von der Ansiedlung der Königlich Bayerischen Fliegertruppe auf dem heutigen Flugplatzgelände um 1912, der rund 3000 Beschäftigte angehörten und den ersten Flugplatz Europas entstehen ließen. Erste Probestarts- und Landungen fanden hier statt, sowie die brachiale Abholzung der alten Lindenallee, entlang der Ostseite des Flugplatzes, weil angeblich die hochgewachsenen Linden ein Sicherheitsrisiko für die abfliegenden und einfliegenden Propellermaschinen darstellten. Als Wiedergutmachung wurde an einem weiter von der Start-und Landebahn entfernten Weg eine Obstbaumallee gepflanzt, die auch heute noch der allgemeinen Nutznießung gewidmet ist.



Die Tour führte weiter durch Lustheim, mit kurzem Stopp auf einer Brücke unter der ein Wassermix aus Isar, Würm und Moosach in die rechts, links und mittig verlaufenden Schlosskanäle fließt. Durch das sehr seichte Gewässer und die gebremste Fließgeschwindigkeit entwickelten sich die drei Kanalarme im Schlosspark in eisigen Wintern zu richtigen “Sportzentren” für Eislaufen und Eisstockschießen.


Von der Brücke aus ist das Schloss Lustheim gut zu sehen: An der Stelle wo einst Wilhlem V. die Renatusklause zu Ehren seiner Ehefrau Renata von Lothringen errichten ließ, hat sein Enkel Kurfürst Max Emanuel dieses kleine Jagd- und Lustschlösschen in einer Sichtachse zum Neuen und Alten Schloss Schleißheim bauen lassen.
Schloss Lustheim ist heute eine Zweigstelle des Bayerischen Nationalmuseums und beherbergt die berühmte von Prof. Dr. Ernst Schneider gestiftete Meissner Porzellan Sammlung. Der Grabstein Schneiders ist ehrenhalber in eine Wand im Untergeschoss in Schloss Lustheim eingemauert.
Der Affinität der Bayerischen Kurfürsten zum Wasser verdanken wir das ausgeklügelte Kanalsystem rund um die Schlösser, das Max Emanuel von türkischen Kriegsgefangenen ausheben ließ. Die Erzählung sagt, dass eben diese Gefangenen die Möglichkeit bekamen, sich entlang der nördlichen Lustheimer Rondellmauer Behausungen zu bauen. Diese einfachen Unterstände haben sich zu den heute noch existierenden einstöckigen Lustheimer Schlossmauer-Häuschen entwickelt.



Der Berglwald, die Berglwirtschaft und der Kalvarienberg
Der Berglwald und die darin liegende “Berglwirtschaft” sind Markenzeichen von Oberschleißheim. Um 1600 ließ Wilhelm V. die “Ignatiusklause” mit einem Kalvarienberg bauen. Im nächsten Jahrhundert diente die Klause Franziskanermönchen als Unterkunft, später wurde daraus die Bierschänke “Zum Kalvarienberg”. Das “Bergl” (Name abgeleitet vom Kalvarienbergl) war lange Jahre die Hochburg der Schleißheimer für rauschende Feste und wilde Faschingsfeiern, die Otto Bürger auch selbst miterlebt hat.



Die Berglwirtschaft hat im Augenblick reduzierte Öffnungszeiten.
Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag ist für den Mittagstisch von 11.30 bis 15.00 Uhr geöffnet.




Im “Bergl” endete die tolle historische Radltour mit Otto Bürger und wäre die Wirtschaft geöffnet gewesen, hätten sich sicher noch einige eine “Tour-Abschluss-Halbe” gegönnt.
Ingrid Lindbüchl




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