Am Muttertagssonntag hatten sich mehr als 50 Menschen zu der beliebten historischen Radltour mit Otto Bürger eingefunden. Hier auf der Brücke über den Schlosskanal am Südpavillon des Neuen Schlosses Schleißheim. Fotos alle privat

Geschichte erlebbar machen

17.05.2026 | Kultur & Freizeit, Kultur & Geschichte | 0 Kommentare

Radl­tour mit Otto Bürger und vielen Schleiß­heimer Geschichten

Auf seinen Führungen, Touren und Veran­stal­tungen betont der bekannte 87-jährige Ober­schleiß­heimer Orts­chro­nist und 1. Vorsit­zender der Freunde von Schleiß­heim, Otto Bürger, immer wieder, dass er Schleiß­heimer Geschichte erlebt habe und diese auch für seine Zuhö­re­rinnen und Zuhörer erlebbar machen möchte.

Auf der vom Tourismus Schleiß­heim e.V. und den Freunden von Schleiß­heim gemeinsam orga­ni­sierten histo­ri­schen Radl­tour am Mutter­tags-Sonntag, zu der sich mehr als 50 Teilnehmer*innen einge­funden hatten, wusste Otto Bürger viele Schleiß­heimer Geschichten zu erzählen. Diese verquickte er geschickt und kurz­weilig mit histo­ri­schen Fakten.

Beim Treff­punkt am Südpa­villon des Neuen Schleiß­heimer Schlosses, gab Bürger einen kurzen Abriss über die Entste­hung und Entwick­lung der Schleiß­heimer Schloss­an­lage, von Bayern­herzog Wilhelm V. dem Frommen (1548 bis 1626 — er starb vor genau 400 Jahren in Schleiß­heim) über die Jahre des Ersten und Zweiten Welt­kriegs bis in die heutige Zeit.

Das Neue Schleiß­heimer Schloss nannte er ein “Juwel in der Geschichte”, denn der 330 Meter lange, monu­men­tale Prachtbau sei neben seiner Schön­heit auch bewohnbar gewesen. Kurfürst Max Emanuel hatte mit ehrgei­zigen Plänen eine große Resi­denz nach Versailler Vorbild errichten lassen und wollte sogar hier seinen seinen Lebens­abend verbringen. Mit Blick auf den Südpa­villon des Neuen Schlosses, welcher noch im Origi­nal­zu­stand erhalten ist, wusste Otto Bürger: “Von außen sieht der Pavillon noch aus wie eh und je, aber bitte schauen Sie nicht hinter die Kulissen!” Dort sei nämlich seit nach dem Zweiten Welt­krieg nichts verän­dert worden, herge­richtet sei gar nichts. Zwar hätte es 1990 Pläne gegeben, den Pavillon zu sanieren und darin ein Puppen- und Requi­si­ten­mu­seum einzu­richten, doch leider habe die deut­sche Wieder­ver­ei­ni­gung der Finan­zie­rung des Projekts einen Strich durch die Rech­nung gemacht.

Weiter ging’s im Süden entlang der doppel­wan­digen Schloss­mauer, die einst die gesamte Schloss­an­lage umgeben hatte. Inmitten der wunder­schönen lang­ge­zo­genen Schleiß­heimer Heide- und Weide­flä­chen, an den Ausläu­fern des Roll­feldes des Schleiß­heimer Flug­platzes liegt das Gebäude der ehema­ligen Empfangs­an­lage des Rund­funk­sen­ders Freies Europa.

Auf Höhe dieser ehema­ligen Sende­sta­tion “Radio Liberty” stoppte die Fahr­rad­ko­lonne zum zweiten Mal und Otto Bürger erzählte von der Ansied­lung der König­lich Baye­ri­schen Flie­ger­truppe auf dem heutigen Flug­platz­ge­lände um 1912, der rund 3000 Beschäf­tigte ange­hörten und den ersten Flug­platz Europas entstehen ließen. Erste Probe­starts- und Landungen fanden hier statt, sowie die brachiale Abhol­zung der alten Linden­allee, entlang der Ostseite des Flug­platzes, weil angeb­lich die hoch­ge­wach­senen Linden ein Sicher­heits­ri­siko für die abflie­genden und einflie­genden Propel­ler­ma­schinen darstellten. Als Wieder­gut­ma­chung wurde an einem weiter von der Start-und Lande­bahn entfernten Weg eine Obst­baum­allee gepflanzt, die auch heute noch der allge­meinen Nutz­nie­ßung gewidmet ist.

Auf Höhe des ehema­ligen Senders Freies Europa erklärte Otto Bürger die Entste­hung des Flug­platzes Schleiß­heim
Diese Obst­baum­allee wurde als Ersatz für die Rodung der Linden­allee am östli­chen Rand des Roll­feldes gepflanzt. Der Ertrag der Obst­bäume steht auch heute noch der Allge­mein­heit zur Verfü­gung
Auch heute noch einge­zäunt: Die Gebäude der Sende­sta­tion “Radio Liberty” ist heute in Privat­be­sitz und sucht nach einer vernünf­tigen Nutzung

Die Tour führte weiter durch Lust­heim, mit kurzem Stopp auf einer Brücke unter der ein Wassermix aus Isar, Würm und Moosach in die rechts, links und mittig verlau­fenden Schloss­ka­näle fließt. Durch das sehr seichte Gewässer und die gebremste Fließ­ge­schwin­dig­keit entwi­ckelten sich die drei Kanalarme im Schloss­park in eisigen Wintern zu rich­tigen “Sport­zen­tren” für Eislaufen und Eisstock­schießen.

Von der Brücke aus ist das Schloss Lust­heim gut zu sehen: An der Stelle wo einst Wilhlem V. die Rena­tus­klause zu Ehren seiner Ehefrau Renata von Loth­ringen errichten ließ, hat sein Enkel Kurfürst Max Emanuel dieses kleine Jagd- und Lust­schlöss­chen in einer Sicht­achse zum Neuen und Alten Schloss Schleiß­heim bauen lassen.

Schloss Lust­heim ist heute eine Zweig­stelle des Baye­ri­schen Natio­nal­mu­seums und beher­bergt die berühmte von Prof. Dr. Ernst Schneider gestif­tete Meissner Porzellan Samm­lung. Der Grab­stein Schnei­ders ist ehren­halber in eine Wand im Unter­ge­schoss in Schloss Lust­heim einge­mauert.

Der Affi­nität der Baye­ri­schen Kurfürsten zum Wasser verdanken wir das ausge­klü­gelte Kanal­system rund um die Schlösser, das Max Emanuel von türki­schen Kriegs­ge­fan­genen ausheben ließ. Die Erzäh­lung sagt, dass eben diese Gefan­genen die Möglich­keit bekamen, sich entlang der nörd­li­chen Lust­heimer Rondel­l­mauer Behau­sungen zu bauen. Diese einfa­chen Unter­stände haben sich zu den heute noch exis­tie­renden einstö­ckigen Lust­heimer Schloss­mauer-Häus­chen entwi­ckelt.

Die Stra­ßen­an­sicht der gebo­genen Häuser­zeile an der Rondel­l­mauer in Lust­heim heute
Die “Innen­an­sicht” der Häus­chen mit Blick in den Schloss­park. Unter dem Fenster des ersten Hauses liegen die Blumen­kästen auf dem Boden. Übel­täter: ein Schwan
Kleine Anek­dote: Dieser brütende Schwan besucht regel­mäßig das erste Haus und “klopft” mit seinem Schnabel ans Fenster, um Futter zu ergat­tern. Dabei wirft er immer die Blumen­kästen vom Fens­ter­brett (Erzählt von Hans Treffer)

Der Bergl­wald, die Bergl­wirt­schaft und der Kalva­ri­en­berg

Der Bergl­wald und die darin liegende “Bergl­wirt­schaft” sind Marken­zei­chen von Ober­schleiß­heim. Um 1600 ließ Wilhelm V. die “Igna­ti­us­klause” mit einem Kalva­ri­en­berg bauen. Im nächsten Jahr­hun­dert diente die Klause Fran­zis­ka­ner­mön­chen als Unter­kunft, später wurde daraus die Bier­schänke “Zum Kalva­ri­en­berg”. Das “Bergl” (Name abge­leitet vom Kalva­rienbergl) war lange Jahre die Hoch­burg der Schleiß­heimer für rauschende Feste und wilde Faschings­feiern, die Otto Bürger auch selbst miter­lebt hat.

Von Lust­heim aus führt ein breiter Weg durch den Bergl­wald zur Bergl­wirt­schaft. An dieser Stelle, so erin­nert sich Otto Bürger, hatte der Winter­sturm “Wiebke” im Jahr 2013 große Lücken in den Föhren­wald gerissen. In der Folge wurde mit deut­lich mehr Laub­bäumen aufge­forstet.
Otto Bürger vor dem Kalva­ri­en­berg bei der Bergl­wirt­schaft. Im Hinter­grund die kleine Kapelle, die an die Igna­ti­us­klause erin­nern soll.

Die Bergl­wirt­schaft hat im Augen­blick redu­zierte Öffnungs­zeiten.

Montag, Dienstag, Mitt­woch und Freitag ist für den Mittags­tisch von 11.30 bis 15.00 Uhr geöffnet.

Diese Treppe führt auf den Kalva­ri­en­berg. Hier finden an Fron­leichnam und am Oster­samstag kleine Messen satt.

Im “Bergl” endete die tolle histo­ri­sche Radl­tour mit Otto Bürger und wäre die Wirt­schaft geöffnet gewesen, hätten sich sicher noch einige eine “Tour-Abschluss-Halbe” gegönnt.

Ingrid Lind­büchl

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