‚Steinwüsten‘ ächten

In neuen Bebauungsplänen soll die Anlage von Schotter- und Kiesgärten untersagt werden; die Modeerscheinung allerdings flächendeckend zu verbieten, lehnte der Gemeinderat einhellig ab. Das Rathaus solle lieber „Möglichkeiten für einen pflegeleichten, aber trotzdem ökologischen Hausgarten aufzeigen“.

FW und Grüne hatten parallel Anträge eingebracht, wie mit der ökologischen Verarmung durch die flächendeckende Aufkiesung umzugehen sei. Es sei „im Hinblick auf Artenvielfalt und Naturschutz wichtig, dieser Entwicklung entgegenzutreten“, bestätigte das Gemeindebauamt.

Gerade die privaten Gärten böten „für viele verschiedenen Arten einen Rückzugsraum und sind wichtig im ökologischen Gefüge“. Angesichts stetig stärkerer Verdichtung komme „den Privatgärten eine noch größere ökologische Bedeutung zu als bisher“.

Schottergärten jedenfalls böten „keine Nahrung für Insekten und jegliche anderen Tiere“. Zudem sei jede grüne Fläche auch ein Faktor fürs Binnenklima, während Steinwüsten die überproportionale Aufheizung dicht besiedelter Räume noch verstärkten.

Die FW forderten, darauf bei allen künftigen Bebauungsplänen einzugehen, die Grünen wollten die neuen Möglichkeiten der novellierten Bayerischen Bauordnung für eine generelle Regelung fürs gesamte Ortsgebiet nutzen. Man komme gerade „in eine Phase, wo wir den Bürger noch mehr gängeln“, lehnte Peter Benthues (CSU) dies ab, „und ihm statt seiner Eigenverantwortung unsere Meinung überstülpen wollen.“

Er warne davor, „den Bürger peu-a-peu in eine Bevormundung zu zwingen“ und erinnerte dabei auch die gerade eingeleitete Baumschutzverordnung. Unabhängig von den einzelnen inhaltlichen Fragen komme dies „nicht so an, dass der Respekt vor dem Gemeinderat steigt“.

Das sei deutlich mit zu großem Kaliber geschossen, wunderten sich die Grünen. „Wir enteignen hier niemand“, sagte ihr Sprecher Fritz-Gerrit Kropp, die beantragte Verordnung sei in der neuen Bauordnung der Staatsregierung exakt so vorgesehen.

Helga Keller-Zenth (Grüne) betonte, der Vorstoß wolle „niemand bevormunden“. Da aber „das Artensterben dramatisch“ sei, müsse man „die Leute darauf hinweisen, wir müssen was tun“. Und dazu komme man „leider nicht drum rum, irgendwelche Regularien zu treffen“.

Mit 16:6 Stimmen lehnten CSU, FW, SPD und FDP gegen die Grünen und eine Stimme aus der CSU den Vorschlag einer Freiflächenverordnung ab. Mit 13:9 Stimmen quer durch alle Fraktionen wurde beschlossen, in allen künftigen Bebauungsplanverfahren entsprechende Vorschriften aufzunehmen und Steinflächen über zwei Quadratmeter Größe zu untersagen.

Hier gab es Widerstand vor allem aus der SPD. Das sei „zu kurz gedacht“, rügte Sebastian Riedelbauch. Anstelle eines undifferenzierten Verbots, „wo jeder fragt: was soll das?“, solle der Gemeinderat lieber eine Positivvorgabe aufstellen. Florian Spirkl fände, dass die Vorgaben in der neuen Bauordnung die Frage schon ausreichend regeln würden.

Ein Lesermail

  1. Das Bauamt Oberschleißheim und Teile des Gemeinderates von Grünen und FW wollen ein flächendeckendes Verbot von Kies- und Schottergärten, da „dies eine Verarmung der Natur darstellen würde und diese Flächen kein Nahrungsangebot für jegliche andere Tiere böten.“ Dies ist aus meiner Sicht blanker Unsinn.

    Zuerst einmal geht es um ein Flächenverhältnis von den gekiesten Flächen zu dem Rest des Hausgartens. Hierzu sollte eine Formel gefunden werden. Z. B. bis zu 20 % der zur Verfügung stehenden Gesamt-Gartenfläche.

    Dann sollte geprüft werden, wie viele Gärten in Oberschleißheim vollständig aufgekiest sind. Vermutlich weit unter ein Promill. Also reiner Aktionismus.

    Es ist erwiesen, dass Stein- und Kiesflächen ein hohes Maß an ökologischer Vielfalt aufweisen. Diese wertvollen Standorte sind Ruderalflächen. Sie kommen in der Natur durch Hangrutsche oder Kiesbänke entlang von Flussläufen vor oder werden von Menschen in Kiesgruben oder eben auch in Hausgärten nachgestaltet. Sie bieten Lebensraum für seltene Insekten, für Eidechsen, Spinnentiere, speziell Ameisen. Sie werden gerne für ein Staubbad von Vögeln (Spatz, Rebhühner) genutzt.

    In unserem Hausgarten wurde vor einigen Jahren eine ca. 30 qm gekieste Fläche im Gemüsegarten um die Hochbeete angelegt, um dem Wildkräuterwuchs vorzubeugen. Das Ergebnis: unzählige Zauneidechsen, die diese Fläche als Jagd- und Aufwärmfläche nutzen. Man kann diesen seltenen und bedrohten Eidechsen zusehen, wie sie das reiche Nahrungsangebot von Spinnen, Fliegen, Laufkäfern, Ameisen auf dieser Schotterfläche jagdlich nutzen und erfolgreich in die Reproduktion ihrer Art umsetzen. Jährlich werden es mehr.

    Schotter- oder Kiesflächen auch in Hausgärten gehören zur Vielfalt der Natur.

    Alex Riedelbauch

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