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ORTSGESCHEHEN

Armut essen Seele auf

Armut essen Seele auf

Armut ist relativ. Statistisch arm ist jener Oberschleißheimer Rentner sicher nicht, weil er mit seinen 68 Jahren noch auf 400-Euro-Basis jobbt und so die Rente kräftig aufstockt - aber kann das nach einem zehrenden Arbeitsleben das Ziel sein?
Wie verbreitet Altersarmut im Sinne bundesweiter Standards in Oberschleißheim tatsächlich ist oder wie diese Armut in einer der wohlhabendsten Regionen der Welt im globalen Vergleich zu definieren wäre, darüber mögen sich Statistiker auslassen; gefühlte Altersarmut ist in jedem Fall auch in Oberschleißheim kein Randphänomen - und sie schlägt den Betroffenen mindestens genauso auf die Seele.
Der Kranken- und Altenpflegeverein hat in seiner bemerkenswerten Gesprächsreihe "Alt sein in Oberschleißheim" nun auch dieses heikle Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Und das vielfältig besetzte Diskussionspodium am Mittwoch vor rund 150 Senioren im Pfarrheim Maria Patrona Bavariae machte unisono klar, dass eben dies das größte Problem an der Materie darstellt: dass sie so heikel ist.
Denn objektiv müsste niemand in Oberschleißheim massive Not leiden. Ein "ganz dichtes soziales Netzwerk" bilanzierte nicht nur Bürgermeister Christian Kuchlbauer, von einer Nachbarschaftshilfe mit Dutzenden Angeboten über rührige Altenarbeit der Kirchen und vieler anderer Institutionen bis hin zum "Oberschleißheimer Tisch" oder eben dem gastgebenden Kranken- und Altenpflegeverein. Und wo es mal wirklich ganz knallhart um ein paar Euro Fünfzig in die Tasche geht, da hilft der Verein "Oberschleißheim hilft Oberschleißheimern" schnell und unbürokratisch.
Allein es herrsche eine immense Hemmschwelle, alleine nur das Sozialamt im Rathaus aufzusuchen, um mal checken zu lassen, ob irgendwelche Unterstützungsangebote nicht ausgeschöpft sind. Von regelrechter "Scham" sprach der Bürgermeister. Gabriele Stark-Angermeier von der Caritas berichtete von Befragungen älterer Menschen auch in Oberschleißheim, bei der sich kein einziger selbst als arm bezeichnete.
Die Zahlen aber sehen anders aus. Die Armutsquote nach amtlicher Definition liegt bei Rentern bei 15 Prozent, schilderte Georg Kalmer, Vorsitzender des Kranken- und Altenpflegevereins, und seit 2006 ist sie viermal so stark angestiegen wie in anderen Altersgruppen. "Bedrohlich" nannte er diese Zahlen und vom Sozialamt der Gemeinde wurden sie eindeutig bestätigt.
Eine relevante Altersarmut sei in Oberschleißheim "durchaus" gegeben, sagte die Sachgebietsleiterin Britta Janßens, allein die Zahl der Grundsicherungsansprüche steige rapide. Dazu gebe es viele um die 70, die sich mit einer Zusatzbeschäftigung über Wasser hielten "und viele bescheiden sich, um nicht ins Sozialamt kommen zu müssen".
Christine Fichtl-Scholl, als Versorgungsassistentin einer Oberschleißheimer Hausartzpraxis bei Hausbesuchen unterwegs, schilderte drastisch, dass Senioren in Not "oft den eigenen Kindern nicht sagen: mir reichts nicht". Um diese Leute dazu zu bringen, ihnen zustehende Hilfen aufzusuchen, müsse man "hochsensibel" vorgehen.
Pfarrerin Martina Buck nannte es eine Aufgabe für jeden, "ins Gespüräch zu kommen und Barrieren abzubauen". Denn Armut sei nicht nur auf die Zahlen der Hilfe zu reduzieren, "sie macht auch was mit der Psyche des Menschen", schilderte sie: "Armut greift die Würde an und das ist nicht mir Geld aufzuwiegen".
Kontraproduktiv sei dabei auch, dass gerade die ältere Generation eben gelernt habe, mit eingeschränkten Situationen umzugehen, betonten Stark-Angermeier und Janßens. "Lieber arm als krank" sei so eine Selbstberuhigung, erzählte Janßens und konterte: "Aber nicht wirklich!" Auch für eine optimale Gesundheitsvorsorge fehlt es oft an den nötigen Eigenmitteln, was auch Dietmar Stullich von der Pflegeversicherung der AOK bestätigte: "Hoher Eigenaufwand" sei im Pflegebedarf fast immer nötig.


25.03.2015    |    Ihre Meinung dazu...    |    nach oben    |    zurück

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